Kirche St. Antonius
Luegallee 61
40545 Düsseldorf
Oberkassel | Kirche St. Antonius:Antoniuskonzert

François Couperin (1668-1733): Leçon de ténèbres
Elisa Rabanus, Sopran
Marina Schuchert, Sopran
Lutz Leiwolt, Gambe
Michael Park, Orgel
Freitag, 27. März 2026, 19:30 Uhr, St. Antonius
Eintritt frei, Spende erbeten
Tenebrae (lat. für Düsternis, Finsternis, Schatten) oder auch Finstermette wird in der Tradition der westlichen Kirche die Matutin (also die Nachtwache in der Abfolge des Stundengebets zwischen Mitternacht und frühem Morgen) an den drei Kartagen genannt. Ihr Name trägt gleich doppelten Wortsinn, da er zum einen auf den Beginn des Responsoriums am Karfreitag „Tenebrae factae sunt“ rekurriert, zum anderen die besondere Liturgie des Gottesdienstes widerspiegelt. Traditionsgemäß werden nach der Gründonnerstags-liturgie sämtliche Kerzen, Blumen und Decken von den Altären entfernt, um symbolisch auf die Todesangst Jesu im Garten Gethsemane, seine Verlassenheit und das Passionsgeschehen zu verweisen. Die nun folgenden Gebete und Lesungen finden also im schmucklosen, dunklen Kirchenraum statt. Auf dem Altar oder im Chorraum befinden sich ein oder zwei Leuchter, auf dem/denen insgesamt 14 Kerzen angebracht sind, die die zwölf Apostel sowie die drei Marien symbolisieren. Eine fünfzehnte Kerze kann als Christus-Kerze hinzukommen. Im Verlauf des Gottesdienstes wird nach jeder Lesung bzw. jedem Psalm eine Kerze gelöscht, so dass die Liturgie in vollkommener Finsternis oder im Schein der einsamen Christuskerze endet.
Die drei Lesungen dieser Gottesdienste sind jeweils den Klageliedern (Lamentationen) des Propheten Jeremia entnommen, die die Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. betrauern. In der österlichen Bußzeit wird dieses in der Geschichte des Volkes Israel traumatische Geschehen zum Sinnbild für die Gefangennahme, die schmachvolle Hinrichtung und den Tod Jesu.
Als Couperin 1714 seine Leçons de ténèbres veröffentlichte, blickte er bereits auf eine beachtliche Tradition von Lamentations-Vertonungen zurück – man denke nur beispielsweise an Orlando di Lasso oder Gesualdo da Venosa. Doch Couperins Werk spiegelt auch, obgleich für die Ordensschwestern der Pariser Abtei Longchamp komponiert, den Zeitgeist des Barock wider: Zum einen war es üblich geworden, die Matutin-Andacht auf den Vorabend zu verlegen (daher der Namenszusatz „pour le Mercredi saint“ – „für den Mittwoch in der heiligen Woche“); zum anderen zeichnen sie sich durch musikalische Eleganz und reiche Ornamentik aus, die einer französischen Barockoper in nichts nachstehen. Dies ist kein Zufall: Da die Opernhäuser und Theater während der Karwoche geschlossen waren, die höfische Gesellschaft aber dennoch unterhalten sein wollte, boten die Tenebrae-Lamentationen – auf einen bequemen Zeitpunkt verschoben und festlich-virtuos musiziert – einen willkommenen Ersatz. Dies steht jedoch nur scheinbar im Gegensatz zum ernsten Gehalt der Thematik, da Couperin sich der musikalischen und liturgischen Traditionen natürlich bewusst war:
So ist der einleitende Vers „Incipit lamentatio Jeremiae Prophetae“ an den altehrwürdigen Tonus Peregrinus aus dem Gregorianischen Gesang angelehnt. Auch die Struktur des ursprünglichen hebräischen Gedichts wurde beibehalten, bei der jeder Bibelvers in alphabetischer Reihenfolge mit einem hebräischen Buchstaben beginnt. Diese nutzt Couperin, um durch besonders melismatische Ausgestaltung musikalische Glanzlichter zu setzen. Sie bilden zudem einen kontemplativen Gegenpol zu den durchaus dramatisch ausgestalteten Rezitativen bzw. arienhaften Versvertonungen. Beide Elemente in Kombination zeugen von Couperins Bestreben, italienische und französische Stilelemente – Dramatik und Eleganz – zu verschmelzen.
Jede der drei Leçons schließt traditionell mit der Aufforderung „Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum“. Im Sinne einer Steigerung ist die letzte dieser Anrufungen zweistimmig ausgeführt und bildet den emotionalen Höhe- und Schlusspunkt dieses ungemein anspruchsvollen Meisterwerks barocker Kompositionskunst.