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Kirchenchor Cäcilia an St. Benediktus, Heerdt

 

Am 4. Januar 1912 schreibt die Tochter des Gründers unseres Kirchenchores an die Frau des damaligen Chorleiters folgenden Brief:

 


M. Gladbach, d. 4.1.1912

 

Sehr geehrter Frau Schneider!


Ihre Glückwünsche zum neuen Jahre erwidern wir dankend aufs herzlichste. Bezüglich der Gründung des Cäcilienchores finde ich wenig Notizen in meines Vaters (sel.) Tagebuch. Als Stiftungstag ist der 5. Jan. 1865 angegeben, so daß das Jubiläum erst morgen über 3 Jahre stattfindet. 1866 ist mein Vater nach Niederkassel übergesiedelt. Ganz bestimmt weiß ich, daß der Vater mehrere Jahre hin in der Schule den Gesangschor leitete. Wir wohnten in dem Schulgebäude an der Oberstraße. Der Unterricht war unten in der Schule; wir Kinder horchten oben dem Gesang. Wir sangen eine 4stimmige Complet mit gemischtem Chor: Männer und Schulkinder. Ich sang die 1. Stimme mit. Noch kürzlich kam mir das “Cum invocarem” von damals in den Sinn, wobei ich probierte und fand, daß es noch festsaß. Im Tagebuch meines sel. Vaters fand ich Notitzen vom 5. Juni 1865. Es war Festlichkeit des Gesangvereins in der Schule (an Herrn Pastors Büschchen), woran außer den Mitgliedern auch deren Gattinnen, sowie Herrn Pastor Sticker und die beiden Lehrerinnen Frl. Engels von Heerdt und Frl. Daniels von Niedercassel teilnahmen,- Am 10. Juni heiratete das Gesangvereinsmitglied Herr Wittbusch; es wurde ihm von seinen Sangesbrüdern ein Ständchen gebracht (wobei er tüchtig traktierte)! Weiter finde ich nichts über den Gesangverein. Aus meinen eigenen Erlebnissen weiß ich, daß der Verein auch auf einer Rheininsel bei sehr niedrigem Wasserstand einst ein Festchen feierte.- Dem Verein und seinem Herrn Dirigenten alles Gute wünschend, grüßt Sie & Herrn Gemahl


Ihre S. Roemer.

 


Was mag Lehrer Roemer 1865 bewogen haben, den Heerdter Kirchenchor zu gründen? Nach dem Abriss der baufälligen, kleinen, mittelalterlichen Benediktuskirche war 18 Jahre zuvor (1847) der Bau der neugotischen Hallenkirche des Krefelder Stadtbaumeisters Heinrich Johann Freyse fertig geworden; aus finanziellen Gründen konnte aber erst zehn Jahre später (1855) eine Orgel angeschafft werden. Die katholische Kirchenmusik befand sich Mitte des 19. Jahrhunderts im Aufwind: Die liturgische Bewegung, in Frankreich vor allem mit der Wiederbelebung des gregorianischen Chorals durch die Abtei Solesmes, in Deutschland im Geiste der Romantik besonders durch die Bischöfe von Regensburg, Köln und Breslau gefördert, schuf die Grundlage zu einer kirchenmusikalischen Reform, die neben der Gregorianik auch die Mehrstimmigkeit, das deutsche Kirchenlied und das liturgische Orgelspiel erfasste. Ob sich der Heerdter Dorfpastor und der Dorflehrer von dieser Bewegung so früh haben erfassen lassen, dass sie bereits zwei Jahre nach der Gründung des Kölner Domchores (1863) und noch drei Jahre vor der Konstituierung des “Allgemeinen Cäcilienverbandes (ACV) für die Länder deutscher Zunge” (1868) den Heerdter Pfarrcäcilienchor ins Leben riefen? Wir wissen es nicht. Vor allem deshalb nicht, weil über die eigentliche kirchenmusikalische Arbeit des Chores bis weit in unser Jahrhundert hinein nichts überliefert ist. Und doch lassen sich solche Zusammenhänge vermuten. Denn das älteste Dokument aus dem Chorarchiv ist das von Präses Pfarrer Savels am 22. November 1898 handschriftlich auf Quartbogen gefertigte und von mehr als fünfzig Sängern unterzeichnete “Statut des Heerdter Kirchenchores”. Die ersten von insgesamt elf Paragraphen lauten: § 1. Der Verein stellt sich zur Aufgabe, im Anschlusse an den “Allgemeinen deutschen Cäcilienverein” den Kirchengesang im Sinne und Geiste der heiligen Kirche, auf Grundlage der bezüglichen Bestimmungen und Verordnungen zu pflegen und im Besonderen zur Hebung des Gottesdienstes in der Pfarrkirche durch Gesangaufführungen mitzuwirken. § 2. Der Verein nimmt als Grundlage für seine Wirksamkeit das päpstliche Breve vom 16. December 1870, den “Allgemeinen deutschen Cäcilienverein” betreffend, an und unterwirft sich demgemäß der Aufsicht des Bischofs der Diözese und der Oberleitung des General-und Diözesanpräses. § 3. Der Verein wendet seine Sorgfalt zu:1.dem Gregorianischen Choral;2. der Aufführung mehrstimmiger Gesangsmusik älterer und neuerer Zeit, und 3. dem Kirchenliede in der Volkssprache. Dieses Statut dürfte viele Jahrzehnte lang für die Chorarbeit maßgebend gewesen sein; in den Akten findet sich eine Abschrift vom Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts.


Angesichts der erstaunlich großen Zahl an Sängern – die “Liste der aktiven Mitglieder im Jubiläumsjahr 1925″ führt z.B. 19 erste und zweite Tenöre sowie 30 erste und zweite Bässe auf – dürfte der Heerdter Chor nicht einmal zu den “kleinsten kirchenmusikalischen Verhältnissen” jener Zeit gerechnet werden. Trotzdem plagen ihn schon früh sehr konkrete, allezeit typische und immer aktuelle Nöte. So erhält das Chorarchiv einen kalligraphisch geschriebenen Antrag an den Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde vom 17. Januar 1906: “Der Kirchenvorstand möge den Betrag von 100M als Beitrag zu den Unkosten des Vereins, oder aber doch mindestens einen entsprechenden Betrag zur Deckung der baren Auslagen für Reinigung, Beleuchtung und Heizung des Übelokals, sowie für Anschaffung von Kirchen-Musikalien in den Etat einsetzen.” Es folgt eine ausführliche Darlegung der finanziellen Engpässe des Chores. Leider kam der Antrag zu spät, da der Kirchenvorstand schon über den Etat der nächsten vier Jahre verfügt hatte. Immerhin heißt es aber in einer Randnotiz zu diesem Antrag: “Deshalb beschließt der Kirchenvorstand einstimmig, die Opfereinnahmen auf der Orgelbühne für die Zeit vom 1/4 1906 bis zum 31/3 1909 gesondert zu halten und dem Kirchenchore zu überweisen.”


Es fällt auf, dass der Chor in den ersten 70-80 Jahren seines Bestehens nur männliche Mitglieder hatte. Noch die Einladung zur Generalversammlung vom 18. Januar 1938 spricht nur die “Herren” Sänger an. Drei Monate später enthält eine an den Kirchenchor an St. Benediktus gerichtete Einladung des Büdericher Chores in Klammern den Zusatz:”Kirchenchor Cäcilia(jetzt gemischter Chor)”. Erstmals werden in einem Mitgliederverzeichnis vom Oktober 1947 unseres Chores 16 Sopran- und 18 Alt-Sängerinnen aufgeführt – zwar erst hinter dem männlichen Tenor-und Bassstimmen. Die beigefügten Eintrittsdaten lassen erkennen, dass die ersten Sängerinnen in den dreißiger Jahren noch vor dem zweiten Weltkrieg, die meisten dann unmittelbar danach in den Chor gekommen sind. Ab dieser Zeit übernehmen also Frauenstimmen denjenigen Part im Kirchenchor, der zuvor den Knabenstimmen vorbehalten war. Gottlob war der alte Grundsatz “mulier taceat in ecclesia”(die Frau schweige in der Kirche) endlich überwunden.


Richtig ergiebig werden die Chorakten erst ab 1950, weil von da ab fast lückenlos jährliche Berichte vorliegen, die der jeweilige Schriftführer bzw. die Schriftführerin für die Jahreshauptversammlung des Chores verfasste. Besonders mächtig schwillen die Akten 1965 anläßlich des 100-jährigen Bestehens des Chores an, das am 27.Mai in einem Festhochamt und einem Festabend feierlich begangen wird. Auf dem Programm stehen unter anderem Werke von Weber, Palestrina, Bach, Mozart, Händel, Hindemith und Brahms. Im Rahmen dieses kurzen Überblicks ist es freilich unmöglich, das Wirken der bisher an St. Benediktus tätigen Chorleiter zu würdigen: 1865 – 1868 (?) Lehrer Römer; 1868 – 1897 30 Jahre Hauptlehrer Johann Fischges; 1898 – 1948 51 Jahre Johann Schneider, Schwiegersohn seines Vorgängers und erster hauptamtlicher Organist und Küster an St. Benediktus; 1948 – 1976 28 Jahre Dr.Franz Stock; 1976 – 1982 5 Jahre Robert Schander; seit April 1982 Peter Zimmer als Organist und Chorleiter. Sicher gilt für jeden Dirigenten: Je stärker die künstlerische Persönlichkeit und je länger und intensiver die Zusammenarbeit mit dem Chor, umso nachhaltiger prägt er die kirchenmusikalische Bildung und den liturgischen Geist des Chores. Die älteren Chormitglieder, die nun schon drei, einige sogar schon vier Chorleiter in Heerdt erlebt haben, können gewiss den eigenen Stil eines jeden bestätigen. Eine seit vielen Jahrzehnten der Chorarbeit an St. Benediktus durchgehaltene Linie der Tradition darf aber festgehalten werden: die ununterbrochene Pflege des Gregorianischen Chorals und der altklassischen Polyphonie.


Mit der Auflösung des Kirchenchores der Bunkerkirche St. Sakrament fusionierten beide Chöre am 1. Januar 2005 zur „Chorgemeinschaft St. Benediktus /St. Sakrament“. Dies leitete einen Prozess ein, der in den kommenden Jahren immer deutlicher wurde: die Integration aller vorhandenen Chorgruppen mit ihren Sängerinnen und Sängern in Liturgie und Konzerten in unterschiedlichsten Zusammensetzungen. Während die Kinder im Kinderchor “Trillerspatzen“ meist mit dem Jugendchor zusammen singen, gab es auch immer wieder verschiedene Anlässe, an denen alle – ob Groß oder Klein – gemeinsam musizierten. In schöner Regelmäßigkeit ist dies z.B. am Pfingstmontag und am Cäcilienfest zu erleben. Auch die Integration der Kinderstimmen in den Chor-Sopran wurde bei der Aufführung des „Weihnachtsoratoriums“ von J.S. Bach im Jahre 2013 als eine wirkliche Bereicherung empfunden. Diese musikpädagogische Idee wird Peter Zimmer auch im Jubiläumsjahr und darüber hinaus fortführen (Weihnachtsoratorium im Januar und “70 Jahre Frieden- Gedenkkonzert“ im Mai 2013).

 

Regelmäßige Chorprojekte boten immer wieder neugierigen Gemeindemitgliedern des gesamten Seelsorgebereichs die Gelegenheit zum Ausprobieren ihrer Singstimme. Auch das gemeinsame Singen aller Chöre im Seelsorgebereich hat in den letzten 25 Jahren zugenommen. So waren im Jahre 2010 „Die drei Chöre“ in St. Antonius/Oberkassel und 2013 in Maria Hilfe der Christen /Lörick zu einem Konzert zusammen gekommen.